Meine THU-Professur

Wie wird man Professor*in an der THU? Was begeistert unsere Lehrenden an ihrem Beruf, welche Erfahrungen haben sie geprägt und was macht ihre Arbeit so besonders? 

Auf dieser Seite geben Professor*innen der THU persönliche Einblicke in ihren Werdegang, ihren Arbeitsalltag und ihre Motivation. Lernen Sie die Menschen hinter der Professur kennen.

Dieser hohe Grad an Selbstbestimmung, den dieser Job mit sich bringt, ist etwas, das sehr zu meiner Persönlichkeit passt und mich happy macht.
Prof.Dr.-Ing. Lisa Ollinger, Fakultät P
Prof.Dr.-Ing. Lisa Ollinger

Prof. Dr.-Ing. Lisa Ollinger, Jahrgang 1983, studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität Kaiserslautern und promovierte dort am Fachbereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Während ihrer Promotion arbeitete sie am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) im Forschungsbereich Innovative Fabriksysteme und anschließend in der Industrie bei Procter & Gamble. 

Seit 2019 ist Lisa Ollinger als Professorin für Produktionsautomatisierung an der Technischen Hochschule Ulm tätig, wo sie in der Fakultät zu den Themen Steuerungstechnik, Robotik, Industrie 4.0, Agentensysteme und Kommunikationstechnologien lehrt und forscht. Neben ihren Lehr- und Forschungstätigkeiten ist sie Studiendekanin für den Masterstudiengang „Systems Engineering & Management – Industrial Engineering“. Seit 2021 ist sie Mitglied des Hochschulrats der THU.

​Frage: Worum geht es in Ihrem Fach?
Lisa Ollinger: Es geht grob darum, den Maschinen „Leben einzuhauchen“. Damit Produktionsprozesse automatisch ablaufen, müssen sich Maschinen selbst konfigurieren können und Fehler müssen automatisch erkannt und gelöst werden. Automatisierung basiert auf Software. Damit Produktionsprozesse optimiert werden können, damit auf neue Produktionsprogramme umgestellt werden kann und auch viele Varianten produziert werden können, muss die Software sehr agil sein und sich schnell – möglichst automatisch – umstellen können. An solchen Themen arbeiten wir. Wenn mich jemand fragt, was ich forschungsmäßig so mache, sag‘ ich immer „Schlagwort Industrie 4.0, da kann man mich verorten!"


Frage: Was ist für Sie das Schöne am Beruf der Professorin?
Lisa Ollinger: Ich finde den Beruf Professor*in so genial, weil er sehr vielseitig ist! Für mich ist dieser hohe Grad an Selbstbestimmung, den dieser Job mit sich bringt, etwas, das sehr zu meiner Persönlichkeit passt und mich happy macht. Das Schöne an einer Hochschule ist, dass man sehr viel lernen kann. Das ist für mich ein Hauptgrund, warum ich diesen Beruf so toll finde. Ich bin ein sehr vielseitig interessierter Mensch und ich finde es wunderbar, dass man sich so entwickeln kann. Ich würde mich gerne mehr in die Forschung einbringen, weil auch hierfür mein Herz schlägt. Wir Hochschulprofessor*innen haben ja ein recht hohes Lehrdeputat im Gegensatz zu Unis, dafür aber viele andere Vorteile.
 

Frage: Welche Dinge in Ihrem Job als Professorin würden Sie nicht mehr missen wollen?
Lisa Ollinger: Ich habe vor meinem Job in der Industrie als Doktorandin an einem Forschungsinstitut gearbeitet und habe da bereits Lehre gemacht und viele studentische Arbeiten betreut. Der Wechsel in die Industrie war da erstmal ein sehr harter Bruch. Bei Proctor & Gamble habe ich auf Firmenseite einige studentische Arbeiten betreut. Bei meinem Job in der Industrie haben mir schon so ein paar Sachen gefehlt. In einem Unternehmen wird man auf ein Projekt gesetzt und hat innerhalb eines Projekts auch seine Freiheiten, aber es ist schon etwas ganz anderes als in der akademischen Welt – das ist ein ganz anderes Arbeiten.
 

Frage: Welche Tipps können Sie – gerade Frauen – geben, die sich für einen solchen Job interessieren?
Lisa Ollinger: Ich glaube, als Frau denkt man da dreimal darüber nach. Das war bei mir vor 20 Jahren so und ich glaube nicht, dass sich daran viel geändert hat – leider. Es ist, glaube ich, natürlicher zu sagen: „Ich bin ein junger Mann, habe mein Abi in der Tasche und studiere mal Maschinenbau“. Da fragen keine zehn Personen, ob man das wirklich machen will, ob man denn glaubt, dass man das kann. Das sind, denke ich, gesellschaftliche Strukturen, die sehr tief verankert sind. Ich fand diesen Ruf der Ingenieurin so toll: Dinge zu entwickeln, kreative Lösungen zu erarbeiten und zu realisieren. Das war eine Vision, der ich nachgehen wollte. Ich selbst hatte in dem Sinne keine Vorbilder, niemand in meiner Familie hat einen technischen Beruf ausgeübt. Mein Physiklehrer hatte mir sogar davon abgeraten, ein Ingenieursfach zu studieren. Aber ich war damals schon trotzig genug, es dennoch zu machen.
 

Frage: Wie sind Sie zum Beruf der Professorin gekommen?
Lisa Ollinger: Während meiner Karriere in der Industrie habe ich mich immer weiter von der Technik entfernt und mehr Projektmanagement-Aufgaben wahrgenommen. Da habe ich schon gemerkt, dass mir das fehlt – mich mit Inhalten auseinanderzusetzen, das Tüfteln, das Lernen über neue Technologien und so weiter. Ich habe damals mit einem ehemaligen Kollegen gesprochen, der den Weg zum Professor schon gemacht hatte. Er hat mich dazu ermutigt und das war schon wichtig für mich, von außen nochmals den Impuls zu bekommen, um es mir selbst zuzutrauen. Mein Doktorvater hat irgendwann auch mal zu mir gesagt, dass mir der Kontakt mit den Studierenden sehr liegen würde. Als ich hier an der THU den Ruf bekommen habe, hat er sich auch sehr gefreut und mir gratuliert. Damals stand es noch nicht so zur Debatte, Professorin zu werden.
 

Frage: Seit dem 01.08.2021 sind Sie Mitglied im Hochschulrat der THU. Wie sind Sie dorthin gekommen?
Lisa Ollinger: Ich wurde damals gefragt. Zu der Zeit war ich seit zwei Jahren an der Hochschule und habe mich noch gar nicht so im Detail mit den hochschulpolitischen Strukturen befasst. Zwei Kollegen haben mich damals angesprochen und ich muss schon sagen, das war auch ein Kompliment an mich, dass ich dafür vorgeschlagen wurde. Ich habe es auch als große Chance gesehen, mich „aufzuschlauen“, um hinter die Kulissen zu schauen, was hochschulpolitisch passiert. Natürlich auch, um eine gewisse Einflussmöglichkeit zu haben. Ich sehe so ein Engagement in dieser Hochschulorganisation auch als nötig an. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns einbringen, um die Hochschule wirklich lebendig zu gestalten. Daher dachte ich, ich probiere das mal aus und nehme dieses Amt an und habe mich einfach mal reingestürzt – und habe es auch nicht bereut. Der Hochschulrat setzt sich aus internen und externen Mitgliedern zusammen und ich finde gerade die Perspektive der Firmenvertreter so interessant und finde es toll, Kontakte zu knüpfen. Sie bringen sehr wertvolle andere Perspektiven ein. Das sehe ich auch als ein Aspekt, um mich weiterzubilden, mich zu engagieren und mich in der Hochschulgemeinschaft einbringen zu können.
 

Frage: Wie können andere Mitglieder der Hochschulgemeinschaft motiviert werden, sich ebenfalls in der Hochschulselbstverwaltung zu engagieren?
Lisa Ollinger: Man muss einfach offen Möglichkeiten ergreifen, am Schopf packen und die Fühler ein bisschen ausstrecken. Wir haben hier an der Hochschule Freiheiten, um zu sagen, wo man sich lieber einbringen würde, sei es etwa als Institutsbetriebsleitung oder als Dekan*in. Ich selbst habe das immer als sehr positiv empfunden, wenn ich proaktiv gesagt habe, was ich gerne machen würde, wie etwa jetzt das Amt der Studiendekanin für den Studiengang Systems Engineering (Industrial Engineering). Da stößt man hier eigentlich nie auf Ablehnung, wenn man proaktiv an die Dinge herangeht und mit den Leuten redet. Das finde ich schon eine sehr positive Umgebung. Kurzum: Let’s go! Einfach auf die Leute zugehen. Ich glaube, da wird man überall mit offenen Armen empfangen. Sei es, wenn man sich im Senat oder Hochschulrat oder woanders einbringen möchte, da gibt es super viele Möglichkeiten. Gerade die Hochschulen haben da eine ganz, ganz wunderbare Umgebung – diese Fülle an Möglichkeiten und so viel Zugriff auf Wissen! Und dass man damit auch was machen kann – sei es in der Lehre, in der Forschung oder in einem Startup. Es gibt eine Riesenbandbreite, deswegen: Mit den Leuten reden, fragen und einfach machen!
 

Frage: Gab es schon einmal Herausforderungen oder Konflikte während Ihrer Zeit in der Selbstverwaltung?
Lisa Ollinger: Klar gab es schon einmal Konflikte, aber keine, wo man jetzt den „Kopf in den Sand“ stecken würde. Kommunikation und Austausch ist ja – wie überall – das A und O. Ich finde es auch wichtig, dass jetzt die Hochschulstrategie erarbeitet wird, um die Dinge auf den Punkt zu bringen, auf die man sich im Konsens geeinigt hat. Natürlich steht nicht jeder oder jede hundertprozentig hinter allen Punkten, aber ich denke, dass sich jede Person an der Hochschule mit bestimmten Punkten identifizieren kann, dass wir sagen können: „da wollen wir hin“ und uns dann fragen, wie wir da gemeinsam in der Zusammenarbeit hinkommen. Ich finde es von unserem Rektorat gut, dass der Strategieprozess so vorangetrieben wird.
 

Frage: Gab es für Sie schonmal so richtige Aha-Momente?
Lisa Ollinger: Auf jeden Fall. Man wird mit Informationen aus erster Hand versorgt und bekommt die verschiedenen Perspektiven mit. Durch die verschiedenen Perspektiven im Hochschulrat werden manchmal auch Probleme angesprochen, die ich in meinem Alltag oft gar nicht mitbekomme. Ich finde es wichtig, dass jeder jetzt nicht nur in seinem eigenen Süppchen kocht, sondern dass wir uns wirklich als Teil der Gemeinschaft verstehen. Professorin zu sein ist in vielerlei Hinsicht schon ein Einzelkämpfer-Job, aber das muss er nicht sein! Ich bin niemand, der nur im stillen Kämmerlein hockt und dann in den Hörsaal geht, um sein Wissen auszuschütten. Auch hier liegt das in unserem Gestaltungsspielraum. Auch am Austausch muss man aktiv arbeiten, denn man läuft sich nicht ständig über den Weg.
 

Frage: Zu guter Letzt: Warum sollten Studierende Ihr Fach studieren?
Lisa Ollinger: Es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht davon betroffen ist! Es ist sehr vielseitig und man kann sich richtig kreativ austoben. Es gibt unheimlich viele Schnittstellen zwischen den verschiedenen Domänen, sei es Medizintechnik, Robotik oder Umwelttechnik. Auch bei meinen Kolleginnen und Kollegen von der Fakultät P, die in Richtung Erneuerbare Energien beispielsweise forschen, gibt es ganz viele Aspekte, bei denen Automatisierung benötigt wird – um beispielsweise die Energie in unseren Smart Grids verteilen zu können. Auch für die Gestaltung unserer Zukunft ist es ein sehr wichtiges Thema, um auch die aktuellen Probleme, die wir haben, angehen zu können und natürlich, um uns auch technologisch und technisch weiterzuentwickeln.

Der Hochschulrat spielt als Gremium eine zentrale Rolle bei der Festlegung der langfristigen Ziele und Visionen einer Hochschule. Zu den wichtigsten Aufgaben des Hochschulrats gehören gemäß dem Landeshochschulgesetz Baden-Württemberg die Aufsicht über die Geschäftsführung des Rektorats sowie die Wahl der hauptamtlichen Rektoratsmitglieder in Zusammenarbeit mit dem Senat. Darüber hinaus trägt der Hochschulrat zur Gestaltung und Entwicklung der Hochschule bei, indem er über Struktur- und Entwicklungspläne sowie die Planung der baulichen Entwicklung entscheidet. Er gibt außerdem Stellungnahmen zur Grundordnung der Hochschule ab und wirkt an deren Änderungen mit. Darüber hinaus ist der Hochschulrat befugt, den Wirtschaftsplan der Hochschule zu beschließen und den Jahresabschluss festzustellen. Die Amtszeit des Hochschulrats an der THU beträgt drei Jahre.

Weitere Informationen

Für mich ist erfolgreiche Lehre ein dialogorientierter Prozess, der Diskurs fördert statt bloß Monolog zu sein.
Prof. Damian Gerbaulet, Fakultät E
Prof. Damian Gerbaulet

Prof. Damian Gerbaulet ist ein anerkannter Design-Experte und seit 2015 Professor an der Technischen Hochschule Ulm, wo er im Bereich Interaction Design / Digital Design lehrt und forscht. Sein Engagement in der Lehre wurde 2022 mit dem Hochschullehrpreis gewürdigt, unter anderem für die Digitale Lernplattform »0t1« und die Ausstellung »InterAbstraktion«. 

Herr Gerbaulet, der nach seinem Designstudium und seiner Tätigkeit als Art und Creative Director in den Bereichen Strategie, Design und Innovation tätig war, bringt seine umfassende Praxiserfahrung und Leidenschaft für das Fachgebiet in seine Lehrtätigkeit ein.

​Frage: Was hat Sie dazu inspiriert, eine Karriere in der Lehre einzuschlagen?
Damian Gerbaulet: Schon früh wusste ich, dass ich mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben möchte. Als ich neben meinem Designbüro eine Dozentenstelle an einer Berliner Hochschule annahm, erkannte ich schnell, wie erfüllend es ist, junge Talente auf ihrem Weg zu begleiten. Die Möglichkeit, die nächste Generation nicht nur fachlich zu prägen, sondern ihnen auch wichtige Werte zu vermitteln, begeistert mich. Im Designbereich zählen praktische Erfolge wie Veröffentlichungen und Designpreise. Diese wertvollen Erfahrungen möchte ich an meine Studierenden weitergeben, weil ich fest davon überzeugt bin, dass das wahre Rüstzeug für den Beruf vor allem durch Praxis entsteht.

Frage: Welche Aspekte an Ihrem Job als Professor schätzen Sie am meisten?
Damian Gerbaulet: Am meisten schätze ich die kreative Freiheit, die ich bei der Gestaltung von Projekten und Lehrinhalten habe. Der Austausch mit den Studierenden ist für mich unglaublich bereichernd und gibt mir eine Menge Energie. Es ist großartig, gemeinsam zu lernen, zu forschen und sich immer wieder neuen Themen zu widmen. Besonders spannend finde ich es, ständig neue Perspektiven zu entdecken und das Gefühl zu haben, dass der Lernprozess nie abgeschlossen ist. In unserem Bereich, den Digitalen Medien und Design, gibt es ständig neue Technologien wie KI und VR zu erforschen – das ist unglaublich aufregend. Aber auch die menschlichen Beziehungen und Netzwerke, die man knüpft, machen diesen Job für mich so besonders und erfüllend.

Frage: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit?
Damian Gerbaulet: Eine der größten Herausforderungen als Professor ist es, mit den schnellen technologischen Entwicklungen Schritt zu halten – nicht aus Zwang, sondern aus Neugier. Es ist mir wichtig, offen zu bleiben und nicht in Routine zu verfallen, denn ich habe während meines Studiums erlebt, wie inspirierend wirklich neugierige Professorinnen und Professoren sein können. Mein Ziel ist es, in kreativen Projekten stets eine Prise Verrücktheit beizubehalten und gleichzeitig neue Technologien kritisch zu hinterfragen. Die Balance zwischen Lehre, Forschung und den zunehmenden administrativen Aufgaben zu finden, ist ebenfalls eine konstante Herausforderung. Dieser Spagat erfordert viel Disziplin und Organisation, aber er motiviert mich auch, mich ständig weiterzuentwickeln.

Frage: Was macht aus Ihrer Sicht den Studiengang „Digital Media“ so einzigartig an unserer Hochschule?
Damian Gerbaulet: Ein entscheidender Aspekt ist die individuelle Betreuung und Förderung unserer Studierenden. In unserem designorientierten Studiengang legen wir großen Wert auf intensiven Austausch und einen seminaristischen Ansatz, der viele Projekt- und Teamarbeiten beinhaltet. Dies ist eine zeitgemäße Art des Lehrens und Lernens – weg vom Auswendiglernen und Monologvorlesungen, hin zu kritischem Denken und offenen Fragestellungen. Besonders wichtig ist uns die enge Verknüpfung von Theorie und Praxis durch praxisnahe Projekte, oft in Zusammenarbeit mit der Industrie oder der Stadt Ulm. Außerdem bieten unsere modernen Labore im neuen Gebäude eine erstklassige Forschungs- und Lernumgebung, die den Studierenden optimale Bedingungen bietet, um sich kreativ und technisch weiterzuentwickeln.

Frage: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben die Studierenden – persönlich als auch fachlich?
Damian Gerbaulet: In unserem Studiengang liegt der Fokus zu etwa 70 % auf Design und zu 30 % auf Technik. Die Studierenden erwerben Kompetenzen in Bereichen wie User Experience-Design, Interface- und Interaction-Design, Kommunikationsdesign, Bild- und Filmgestaltung, dreidimensionales Gestalten sowie Animation. Hinzu kommen technische Fähigkeiten wie Programmierung und digitale Medienproduktion. Neben diesen fachlichen Kompetenzen legen wir großen Wert auf Soft Skills wie Projektmanagement, Teamarbeit und Kommunikationsfähigkeiten. Besonders wichtig ist mir die Fähigkeit, kritisch zu denken und immer wieder neue Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Unser Studiengang ist vielseitig und spannend, mit einem starken Fokus auf Mediendesign. Um erfolgreich zu sein, brauchen die Studierenden eine solide Grundlage in Gestaltung, Programmierung und Psychologie, um sich empathisch in verschiedene Menschen und Gruppen hineinzuversetzen und wirkungsvolle Lösungen zu entwickeln.

Frage: Sie haben u.a. das 0t1-Projekt ins Leben gerufen, bei dem es um das Thema Aufmerksamkeitsökonomie geht. Woher kam Ihr Interesse für das Thema und worum geht es konkret im 0t1-Projekt?
Damian Gerbaulet: Mein Interesse an der Aufmerksamkeitsökonomie begann während meines berufsbegleitenden Masters in Sankt Gallen und an der UdK Berlin, wo ich in meiner Masterarbeit die Auswirkungen von Ablenkung und Unterbrechung im Kontext von Wissensarbeit untersuchte. Ich analysierte, wie ständige Erreichbarkeit unsere Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt. Dieses Thema hat mich seitdem nicht losgelassen, besonders da sich die gesellschaftliche Situation weiter verschärft hat. Für mich ist es entscheidend, unsere begrenzte Lebenszeit wertzuschätzen und bewusster mit digitaler Technologie umzugehen.
Im 0t1-Projekt beschäftigen wir uns damit, wie Aufmerksamkeitsökonomie genutzt werden kann, um bessere Produkte zu entwickeln, die uns helfen, unsere Zeit sinnvoller zu nutzen oder effizienter zu lernen. Ein Beispiel ist die Lern-App Duolingo, die psychologische Prinzipien des User Experience Designs anwendet, um das Sprachenlernen attraktiver zu gestalten. Letztlich geht es darum, sich bewusst zu machen, wie wir unsere Zeit verbringen – denn das definiert, wer wir sind.

Frage: Sie haben mit dem Inklubator-Projekt beim Ideenwettbewerb für Inklusion den zweiten Platz belegt. Welche Kriterien waren für die Ideenentwicklung besonders relevant?
Damian Gerbaulet: Unsere Idee war es, ein Geruchserkennungsgerät für Menschen mit eingeschränktem Geruchssinn zu entwickeln, um ihnen mehr Selbstständigkeit im Alltag zu ermöglichen. Viele Betroffene berichten von einem erheblichen Verlust an Lebensqualität und Unsicherheiten, da nicht jeder Lebensmittel- oder Körpergeruch sofortige Warnsignale bietet. Wir haben das Projekt als nutzerzentriertes Designvorhaben angegangen und durch eine technologische Analyse die notwendigen Technologien sowie die Bedürfnisse der Zielgruppe ermittelt. Die wichtigsten Kriterien für unsere Ideenentwicklung waren Barrierefreiheit und Nutzerfreundlichkeit. Unser Ziel war es, das Thema kreativ und innovativ zu behandeln und in Zusammenarbeit mit Betroffenen eine nachhaltige, gesellschaftlich relevante Lösung zu entwickeln. Da es sich um eine Projektidee handelt, die noch nicht als fertiges Produkt umgesetzt wurde, bleibt offen, inwiefern das Konzept weiter verfolgt wird. Dennoch hoffen wir, dass es Impulse für zukünftige Entwicklungen in diesem Bereich geben kann.

Frage: Welche Momente in Ihrer Karriere als Professor waren für Sie besonders bedeutsam?
Damian Gerbaulet: Ein herausragender Moment war unsere Ausstellung an der Wilhelmsburg im Rahmen des Kulturfestivals »Stürmt die Burg«. Dort präsentierten wir interaktive Exponate, bei denen die Besucher*innen mit digitalen Installationen experimentieren konnten. Dieses Projekt war sehr energie- und zeitaufwendig, aber auch belohnend. Besonders stolz war ich auf die Studierenden, die über sich hinauswuchsen und ihre Arbeit mit großem Stolz präsentierten. Eine Absolventin erzählte mir später, wie sehr sie durch diese medienwirksame Ausstellung persönlich gereift ist. Ein weiterer bedeutsamer Moment war der Gewinn des Hochschullehrpreises – eine besondere Anerkennung, die auf Initiative der Studierenden erfolgte. Diese Wertschätzung war für mich eine seltene und umso wertvollere Rückmeldung, die im hektischen Alltag oft zu kurz kommt. Es zeigte mir, dass unsere Projekte nicht nur abstrakte Credit Points sind, sondern tatsächlich zur persönlichen Entwicklung der Studierenden beitragen und sie dazu bringen, ihre Komfortzone zu verlassen. Auch die Gründung des Portals »0t1«, benannt nach dem Ulmer Designer Otl Aicher, war ein bedeutender Schritt für mich. Es dient als Experimentierfeld für Projekte, Blogartikel und Buchbesprechungen und bietet den Studierenden wertvolle Erfahrungen im Publikationsprozess. Zu sehen, wie sich dieses Projekt entwickelt, ist eine weitere Quelle der Erfüllung in meiner Arbeit als Professor.

Frage: Sie haben den Hochschullehrpreis 2022 der THU gewonnen. Gibt es eine bestimmte Lehrphilosophie, mit der Sie Ihre Lehre gestalten?
Damian Gerbaulet: Für mich ist erfolgreiche Lehre ein dialogorientierter Prozess, der Diskurs fördert statt bloß Monolog zu sein. Es ist mir wichtig, den Studierenden Raum zu geben, sie zur Verantwortungsübernahme zu ermutigen und ihre kritischen Denkfähigkeiten zu stärken. Ich lege großen Wert auf Offenheit für neue Entwicklungen und die Bedeutung lebenslangen Lernens. Meine Leidenschaft für relevante Themen bringe ich aktiv in die Lehre ein, was ich als essenziell erachte, um die Studierenden zu motivieren und zu inspirieren. Die individuelle Förderung jedes Einzelnen, der Austausch in kleinen Projektteams und die Vernetzung mit der Industrie sowie anderen Bildungs- und Forschungseinrichtungen sind zentrale Säulen meiner Lehrphilosophie. Diese Ansätze haben es mir ermöglicht, eine Lernumgebung zu schaffen, in der Studierende nicht nur Wissen erwerben, sondern auch wertvolle Lebens- und Berufskompetenzen entwickeln.

Frage: Welchen Rat würden Sie angehenden Professor*innen geben, die ebenfalls diesen Weg einschlagen wollen?
Damian Gerbaulet: Angehenden Professor*innen rate ich, Offenheit, Neugierde und Engagement zu zeigen – diese Eigenschaften sind grundlegend für eine erfolgreiche akademische Laufbahn. Es ist essenziell, auf die Bedürfnisse und Unterschiede der Individuen eingehen zu können und einen starken Bezug zur praktischen Anwendung des gelernten Wissens herzustellen. Darüber hinaus ist es wichtig, kontinuierlich Kontakte zu Partnern in der Industrie und anderen Bildungseinrichtungen zu knüpfen und zu pflegen.
Lebenslanges Lernen und die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden und das eigene Fachgebiet anzupassen, sind besonders in Zeiten rasanter technologischer und sektoraler Veränderungen unverzichtbar. Stellen Sie sicher, dass Sie sich regelmäßig mit den neuesten Entwicklungen in Ihrem Fachbereich auseinandersetzen und diese in Ihre Lehre integrieren. Diese Haltung wird nicht nur Ihre eigene Karriere bereichern, sondern auch Ihren Studierenden helfen, relevant und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Frage: Welches ist Ihr Lieblingsort in der Region Ulm?
Damian Gerbaulet: Zu meinen Lieblingsorten in Ulm zählt die Buchhandlung Aegis mit dem angrenzenden Aegis Café. Dieser Ort ist ein lebendiges Kulturzentrum, das regelmäßig Veranstaltungen wie Jazz-Konzerte und Lesungen bietet. Er ist ein wunderbares Beispiel für die vielfältige und lebendige Kulturlandschaft Ulms. Ein weiterer besonderer Ort für mich ist das Kiesental, eine kleine grüne Oase am Stadtrand. Es ist der perfekte Ort zum Entspannen und Abschalten vom hektischen Alltag.

Für mich ist es ein richtig toller Job. Die große Freiheit, bei gleichzeitig großer Sicherheit. Das ist eine Kombination, die man selten findet.
Prof. Dr. Hariolf Betz, Fakultät T
Prof. Dr. Hariolf Betz

Prof. Dr. Hariolf Betz ist seit 2017 Professor für Software-Entwicklung an der Technischen Hochschule Ulm. Er ist Vorsitzender des Prüfungsausschusses der Fakultät für Mechatronik und Medizintechnik und Vorstandsmitglied im Verein proTHU. Seine Fachgebiete umfassen die Grundlagen der Softwareentwicklung, wissenschaftliches Programmieren und wissensbasierte Systeme. In der Lehre vermittelt er unter anderem angewandte und objektorientierte Softwareentwicklung. Mit seiner Expertise trägt er zur Ausbildung zukünftiger Fachkräfte und zur Förderung innovativer Technologien in der Mechatronik und Medizintechnik bei. 

​​Frage: Was hat Sie dazu bewogen oder inspiriert, eine Karriere in der Lehre zu verfolgen? 
Hariolf Betz: Solange ich mich zurückdenken kann, hatte ich ein breites Interessenspektrum. Als Kind kannte ich beinahe jedes “Was ist was”-Buch aus der Bücherei auswendig. Mit vier Jahren bekam ich eine Brille und trug ab da den Spitznamen “kleiner Professor”. Das schafft natürlich eine Identifikation mit dem Berufsbild. Die Idee, Professor an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften zu werden, hatte ich erstmalig während meines Studiums. Ich selbst habe ja an einer Uni studiert, dort promoviert und bin dann in die Wirtschaft gewechselt. Dort habe gemerkt, dass mich das Akademische nach wie vor mehr interessiert als die Wirtschaft.
Im Nachhinein sieht mein Werdegang beinahe so aus, als ob ich schon immer gezielt auf meine jetzige Stelle hingearbeitet hätte. Das war sicherlich nicht zu jedem Zeitpunkt meine bewusste Absicht. Irgendwann hat aber einfach alles gepasst, ich habe mich beworben und wurde berufen. 

Frage: Wie gestalten Sie Ihre Lehrveranstaltungen, um die Inhalte verständlich zu vermitteln? 
Hariolf Betz: Das ist eine spannende Frage, für die es vermutlich nicht die eine, endgültige Antwort gibt. Eine Methode, die für mich gut funktioniert ist der Inverted Classroom. Das bedeutet: Die Studierenden eignen sich die Lehrinhalte im Vorfeld an — in der Regel mithilfe von Videos. In der Präsenzvorlesung gehe ich dann auf Fragen und Missverständnisse ein und mache praktische Übungen zur Vertiefung. Der große Vorteil dieser Methode ist, dass ich im Hörsaal spontan auf die Fragen und Probleme der Studierenden reagieren kann und nicht zwingend an die Dramaturgie meines Foliensatzes gebunden bin. Ich versuche außerdem stets, einen spielerischen Zugang zur Materie zu wecken. Schon in den ersten Wochen des Studiums erstellen meine Studierenden zufallsgenerierte Kunstwerke. In höheren Semestern wird dann meist ein Spiel programmiert. 
An solchen Übungen schätze ich, dass die Studierenden ein direktes visuelles Feedback bekommen. Es ist leichter festzustellen “meine Spielfigur bewegt sich nicht so, wie sie soll” als in einer Datenbankanwendung zu sehen: “da steht am Ende eine 5, wo eine 10 hätte stehen sollen”. Dazu kommt, dass kreativer Freiraum unheimlich motivierend wirken kann. Bisweilen kommen da Motivationsressourcen zum Vorschein, die man gar nicht für möglich gehalten hätte. Und das, obwohl die Spielprogrammierung zu den komplexesten Domänen der Softwareentwicklung gehört.

Frage: Welche Aspekte an Ihrem Job mögen Sie denn am meisten? 
Hariolf Betz: Tatsächlich ist die Freiheit ein ganz großes Plus. Das Ausmaß dieser Freiheit habe ich erst im Laufe des Jobs realisiert. Ich bestimme ja nicht nur die konkreten Inhalte, mit denen ich die Vorgaben der Modulhandbücher ausfüllt, sondern auch die Methode, mit der ich dies Inhalte vermittle -- und das immer wieder neu. Das ist fantastisch. Natürlich schätze ich auch den hohen Grad an Absicherung, die große Jobsicherheit und die Tatsache, dass ich mich viel weniger als andere um meine Altersvorsorge kümmern muss. Man fühlt sich sehr behütet in diesem Beruf, auf eine gute Art. Das ist schön.

Frage: Welche Herausforderungen beinhaltet der Job als Professor aus Ihrer Sicht? 
Hariolf Betz: Anfang dieses Jahres wurde bei mir ADHS diagnostiziert. Das erklärt recht gut, welche Dinge mir schwerer fallen als anderen: Verwaltungsaufgaben können mir zum Beispiel schnell den Tag ruinieren, auch wenn sie eigentlich nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Diese schiebe ich daher oft bis zur letzten Gelegenheit auf. Das gleiche gilt eigentlich für jede wiederkehrende Aufgabe, die keine nennenswerte Herausforderung bietet. Auch bin ich kein sonderlich geduldiger Mensch. Ich rede und denke meistens schneller als mein Gegenüber. In persönlichen Gesprächen bin ich schnell gelangweilt und es kostet mich Anstrengung, nicht meinen Fokus zu verlieren. Von meinem mangelnden Talent, an Gremiensitzungen teilzunehmen, will ich gar nicht erst anfangen. 

Frage: Würden Sie sagen, dass die Diagnose ADHS für Sie als Professor eine große Herausforderung ist? 
Hariolf Betz: Nein, so verallgemeinern würde ich das nicht. Durch meine Veranlagung fallen mir auch viele Dinge leichter. Ich kann zum Beispiel gut improvisieren und ich liebe es auf der Bühne zu stehen. Deshalb spiele ich seit vielen Jahren Improvisationstheater, was ich im Hörsaal als enormen Vorteil empfinde. Im Hyperfokus fällt es mir sehr leicht, mir in kurzer Zeit Wissen und neue Fähigkeiten anzueignen. Man sagt uns ADHSler:innen außerdem eine breite Allgemeinbildung, Humor und gute Menschenkenntnis nach. Ich bin mir übrigens recht sicher, dass ich an der THU nicht der einzige Professor mit ADHS bin. 
Ich empfinde die Diagnose nicht als Krankheit, sondern als eine Variante der Normalität mit Vor- und Nachteilen. Es kann aber sehr belastend sein, wenn man sich selbst an Maßstäben misst, die eigentlich zu neurotypischen Menschen – also Menschen ohne ADHS -- passen. Dann neigt man dazu, eigene Defizite überzubewerten und die Stärken zu übersehen. Deshalb hat mir die Diagnose sehr geholfen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft lernen, offen über Neurodiversität zu sprechen. Dazu leiste ich gerne meinen Beitrag.

Frage: Wie gefällt es Ihnen in Ulm?
Hariolf Betz: Ulm ist eine tolle Stadt. Für mich hat Ulm genau die richtige Größe. Auf der einen Seite kann ich unheimlich schnell in der Natur sein. Früher habe ich mich nachmittags oft aufs Fahrrad geschwungen und bin auf die Schwäbische Alb gefahren. Jetzt wo ich Kinder habe, kann ich in fünf Minuten mit dem Kinderwagen im Wald sein.  
 Auf der anderen Seite bekommt man auch kulturell eine Menge geboten. Natürlich in kleinerem Rahmen als in einer Großstadt. Aber ehrlich gesagt überfordern mich Großstädte eher, als dass ich sie genieße. 

Frage: Haben Sie einen Lieblingsort in Ulm?
Hariolf Betz: Mein Wohlfühlort ist der Abschnitt des Ulmer Höhenwegs von der Uni West bis zu meinem Zuhause am alten Eselsberg. Ein weiterer Lieblingsort ist der Hochsträß. Bevor wir Kinder hatten, sind meine Frau und ich dort oft mit dem Mountainbike hochgeradelt. Jetzt geht es mit den Kindern im Herbst zum Drachen steigen lassen dorthin. Mir fällt auf, dass ich wohl stets die Stadtränder schätze. Vor mir der Blick auf die Stadt, hinter mir die rauschenden Bäume: Das macht für mich einen Wohlfühlort aus. Ulm hat eine Menge solcher Orte. 

Frage: Sie sind seit einigen Jahren Prüfungsausschussvorsitzender. Wie stellen Sie dieser Funktion sicher, dass Prüfungen und Prüfungsprozesse transparent und fair ablaufen?
Hariolf Betz: Die Bewertung der Prüfungsleistungen als solche liegt natürlich in der der Kompetenz der Kolleginnen und Kollegen. Als Vorsitzender des Prüfungsausschusses leite ich vor allem die Sitzungen, in denen wir über studentische Anträge entscheiden. Dafür eigne ich mir juristisches Wissen an, um den Rahmen unserer Entscheidungsfreiheit und mögliche Folgen unserer Entscheidungen zu verstehen und an den Ausschuss zu kommunizieren. Außerdem stelle ich sicher, dass wir in unserer Entscheidungspraxis stets konsistent sind. 
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Prüfungsplanung, auf das ich mich einige Wochen im Jahr stark fokussiere.

Frage: Elternzeit bringt oft viele Veränderungen mit sich. Wie haben Sie das erlebt?
Hariolf Betz: Als meine erste Tochter ein halbes Jahr alt war, habe ein komplettes Semester frei genommen, während meine Frau gearbeitet hat. Das war tatsächlich in Sprung ins kalte Wasser. Anfangs hat meine Tochter viel geweint und wollte zur Mama. Ich gebe zu, dass ich in den ersten Tagen durchaus mit meiner Entscheidung gehadert habe. Nach ein paar Wochen waren meine Tochter und ich aber gut aufeinander eingespielt und hatten ab da eine ganz wunderbare Zeit zusammen. 
 Bei der Geburt meiner zweiten Tochter stand für mich außer Frage, dass ich wieder ein Semester in Elternzeit gehen möchte. Ich freue mich sehr auf diese Zeit. Anfangs wird es wieder eine Herausforderung sein, weil ich aus meinen gewohnten Abläufen und meiner Komfortzone kommen muss. Dieses Mal weiß ich aber jetzt schon sicher, dass es eine wunderschöne Zeit sein wird. 

Frage: Welchen Ratschlag würden Sie jemandem geben, der sich überlegt, Professor oder Professorin an einer HAW zu werden? 
Hariolf Betz: Mein erster Impuls ist zu sagen: Mach’s einfach! Aber da spreche ich vielleicht zu sehr aus meiner eigenen Perspektive. Vielleicht sollte der Ratschlag besser lauten: Hör‘ auf dein Bauchgefühl! Für mich selbst stand außer Frage, dass ich mich gerne in neue Themen einarbeite, dass ich gut erklären und präsentieren kann und dass ich die akademische Freiheit ebenso schätze wie die finanzielle Sicherheit. Wer aus solchem Holz geschnitzt ist, wird diesen Beruf lieben.
Was mir geholfen hat, letzte Zweifel zu zerstreuen, waren persönliche Gespräche mit Professorinnen und Professoren aus meinem erweiterten Bekanntenkreis. Diese haben mich alle in meiner Entscheidung bestärkt, wofür ich heute sehr dankbar bin. Deshalb mein zweiter Rat: Sprich mit Professorinnen und Professoren. 

Während meiner Zeit als Lehrbeauftragte an der THU, habe ich gemerkt, dass mir das viel Spaß macht, Wissen weiterzugeben, Leute zum Lernen zu bringen.
Prof. Dr. Annika Götz, Fakultät M
Prof. Dr. Annika Götz

Prof. Dr.-Ing. Annika Götz, Jahrgang 1977, studierte Maschinenbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und promovierte im Bereich Technisches Design an der Universität Stuttgart als erste Frau am Lehrstuhl. Sie erhielt 2009 für ihre Dissertation „Adaptiver Designprozess für Konstrukteure und Designer“ den Preis der Gustav Magenwirth Stiftung für herausragende Leistungen. 

Nach ihrer Promotion war sie bis zum Jahr 2020 bei der Firma Diehl Aviation in Laupheim in der Konstruktion von Ruheräumen tätig. Seit 2020 gehört sie als Professorin zur Fakultät Maschinenbau und Fahrzeugtechnik und lehrt u.a. Konstruktion. Das Thema ihrer Antrittsvorlesung: "Wo ist denn nun eigentlich die Ergonomie?“

​​​​​​Frage: Was hat Sie motiviert, sich bei der THU um eine Professur zu bewerben?
Annika Götz: Schon während meiner Zeit in der Industrie hatte ich viele Jahre einen Lehrauftrag an der THU. Einmal in der Woche habe ich abends nach der Arbeit an der THU eine Vorlesung gehalten, auf die ich mich schon mittags gefreut habe. Ich habe gemerkt, dass es mir viel Spaß macht, Wissen weiterzugeben und Leute zum Lernen zu motivieren.

Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Lehrauftrag zu übernehmen?
Annika Götz: Das war Zufall. Ich kannte eine Person an der THU, die ich während meiner Promotion an der Universität Stuttgart kennenlernte und die mich auf die Idee brachte. Der Zufall hat mir eine Chance geboten und ich musste sie nur noch ergreifen.

Frage: Welche Aspekte Ihrer Arbeit als Professorin haben Sie am meisten gereizt, als Sie sich beworben haben?
Annika Götz: Zuerst war ich vor allem motiviert, mein Wissen weiterzugeben. Erst​ als ich schon Professorin an der THU war, wurde mir bewusst, wie selbstbestimmt ich hier arbeiten kann. Es ist an einer Hochschule möglich, vieles aus der eigenen Motivation heraus anzugehen und Themen, für die ich brenne, voranzutreiben. In der Industrie wird im Vergleich viel von außen vorgegeben: Durch Vorgesetzte, Projekte, Zeitpläne, Aufträge und Kunden. Natürlich habe ich an einer Hochschule auch Pflichten, wie etwa Lehre oder Prüfungen zu garantieren. Mein Stoff muss zur THU passen und bestimmte Bereiche abdecken. Aber wie ich den Stoff vermittle, bleibt weitgehend mir überlassen.

Frage: Warum wollten Sie speziell an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Professorin werden?
Annika Götz: Ein großer Vorteil einer HAW ist, dass viel Kontakt zur Industrie besteht. Während meiner Zeit im Industrieunternehmen habe ich viel erlebt. Was alles zum Beispiel schiefgehen und wie ich es wieder retten kann. Wenn ich aus dem Nähkästchen plaudere, sind das Momente, in denen Studierende sehr gerne zuhören. Dann nicken manche wissend, weil sie das auch schon in einer Firma, etwa in ihrem Praxissemester, kennengelernt haben. Wir haben auch Studierende im Ulmer Modell, die ein Studium mit integrierter Berufsausbildung absolvieren. Ich finde, dies ist eine sehr große Bereicherung.

Frage: Wie genau bleiben Sie auf dem Laufenden, um Ihre Studierenden auf die berufliche Zukunft vorzubereiten?
Annika Götz: Ich besuche die Studierenden im Praxissemester in ihren Unternehmen. Wenn ich durch die Betriebe gehe, komme ich gern mit Mitarbeitenden ins Gespräch und höre zu, wo es gut läuft und wo es gerade hängt. Darauf baue ich zum Teil auch meine Vorlesungen auf. Außerdem stellt meine frühere Firma jedes Semester das Thema meiner Vorlesung zur Konstruktionsmethodik. Dabei geht es immer um ein Thema, das dem Unternehmen unter den Nägeln brennt. Die Lösungsvorschläge der Studierenden landen nicht in der Schublade, sondern die Firma arbeitet damit weiter. Ich bin immer wieder überrascht, wie kreativ Studierende sind und auf welche Ideen sie kommen. Der Vorteil von Berufsanfängern ist, dass sie noch über einen breiten Blick verfügen und nicht denken: „Das lasse ich lieber sein, es hat ja noch nie geklappt.“

Frage: Wie gehen Sie die Lehre an, was ist Ihnen hier wichtig?
Annika Götz: Auf keinen Fall möchte ich nur im Frontalunterricht meinen Stoff herunterleiern. Das habe ich zur Genüge als Studentin erlebt. Wichtig ist mir die persönliche Einstellung: Wenn es mir selbst Spaß macht, meine Inhalte zu vermitteln, weil ich davon begeistert bin, dann ist die Chance groß, dass ich die Studierenden mitnehmen kann. Ich kommuniziere gern direkt mit Studierenden und stelle sehr viele Fragen. Die Studierenden sollen über Aufgaben die Themen selbst entdecken, nach den Antworten suchen und Wissen aus guten Quellen heranziehen können. Ich möchte sie dazu befähigen, sich selbst zu helfen. Natürlich doziere ich auch ab und zu im Hörsaal. Ich merke aber, dass die Übungen für Aha-Erlebnisse sorgen. Der Moment ist am schönsten, wenn ich den meisten Studierenden ansehe, dass es „Klick“ gemacht hat.

Frage: Gibt es ein Lieblingsprojekt, das Sie an der THU verfolgen möchten?
Annika Götz: Mein Steckenpferd ist die Reparierbarkeit von Produkten, dabei geht es um Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Es steckt noch in den Kinderschuhen. Ich betreue dazu zwei Bachelorarbeiten. Danach werde ich dann sehen, wie sich das entwickelt und ob ich hier etwas aufbauen kann.

Frage: Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich an einer Hochschule zu engagieren. Gibt es da einen bestimmten Bereich, der für Sie attraktiv ist?
Annika Götz: Momentan finde ich es sehr spannend, für den Beruf Ingenieurin bzw. Ingenieur im Maschinenbau zu werben. Wir gehen an die Schulen und informieren über die sehr gute Ausbildung an der THU. Wir möchten vermitteln, dass das ein wirklich toller Job ist – vielfältig, interessant, gut bezahlt und gefragt. Mir macht es auch Spaß bei der Bildungsmesse am Stand über unsere Studiengänge zu informieren. Dann gibt es noch die „Girls Academy“ – da kommen Mädchen aus zwei Gymnasien zu uns. Bei uns dürfen sie mit dem CAD-Programme Schlüsselanhänger entwickeln und haben zum Schluss ihren eigenen gedruckten Schlüsselanhänger in der Hand.

Frage: Wie sind Sie in Ihrer Fakultät Maschinenbau und Fahrzeugtechnik angekommen?
Annika Götz: Die Kollegialität ist toll. Wir können uns morgens und nach der Mittagspause im Besprechungs-Raum treffen, einen Kaffee trinken und uns austauschen über den Beruf oder Privates oder über Hobbies.

Frage: Sie selbst kannten die Region Ulm schon gut, weil sie hier gearbeitet haben. Wie würden Sie Menschen Region und Bevölkerung beschreiben, die sie noch nicht kennen?
Annika Götz: Ich finde die Ulmer und die Region Ulm sehr sympathisch. Hier wird sehr gerne gefeiert und auch mal Quatsch gemacht – das „Nabada“ ist so ein Beispiel.  Wenn ich Ruhe brauche, setze ich mich gern an die Donau. Ich beobachte die Vögel und die Leute, wie sie spazieren gehen, Inline-Skaten oder Radfahren.

Frage: Und Ihr Geheimtipp?
Annika Götz: Die Astronomische Uhr im Rathaus. Wenn man sich vorstellt, dass sie fast 500 Jahre alt ist und 15 kalendarische Informationen anzeigt, ist das eine geniale Leistung. Stellen Sie sich das Getriebe dazu vor. Eine großartige Konstruktion!

Innerhalb der Rahmenbedingungen, die wir haben, sind wir sehr frei und können recht unterschiedliche Sachen machen.
Prof. Dr. Martin Heßling, Fakultät T
Prof. Dr. Martin Heßling

Prof Dr. Martin Heßling ist seit 2005 Professor für Gerätetechnik für Biotechnologie und Medizin an der THU. Er lehrt unter anderem in den Fächern Biophotonik, Biotechnologie und Bioverfahrenstechnik. Neben seiner Lehrtätigkeit ist Prof. Heßling auch in der angewandten Forschung aktiv und leitet eine Forschungsgruppe, die sich auf die Keimbekämpfung mittels sichtbarem Licht und UV-Strahlung spezialisiert. Besonders hervorzuheben ist sein Projekt zur Reduzierung des Risikos von beatmungsassoziierten Pneumonien bei Intensivpatienten. In diesem Zusammenhang untersucht seine Forschungsgruppe den Einsatz von blauem und violettem Licht in medizinischen Geräten, insbesondere in Endotrachealtuben, um bakterielle Infektionen in der Lunge zu verhindern.

Frage: Was ist für Sie das Schöne am Beruf des Professors? 
Martin Heßling: Ich finde das Schönste daran, dass man sein eigener Chef ist. Innerhalb vorgegebener Regeln mache ich das, was ich selbst für sinnvoll halte und dann, wann ich es für sinnvoll halte und wie ich es für sinnvoll halte. Das finde ich gegenüber der Industrie eine wesentliche Verbesserung. Ein weiterer Punkt ist, dass der Job viel Abwechslung bringt. Innerhalb der Rahmenbedingungen, die wir haben, sind wir sehr frei und können recht unterschiedliche Dinge verfolgen. Momentan beschäftigen wir uns mit Projekten in der Medizintechnik, Biotechnologie, Lebensmitteltechnologie und arbeiten an sehr vielen verschiedenen Themen – beispielsweise am Thema Trinkwasserdesinfektion. Manchmal muss man auch Sachen machen, die man so vielleicht selber nicht gelernt hat. Aber in vielerlei Hinsicht ist das auch ganz gut. Und das dritte, was ich noch ganz schön finde – das hätte ich als Schüler oder Student nicht gedacht – ist die Jobsicherheit. 

Frage: Was hat Sie denn schlussendlich dazu bewegt, den Weg als Professor einzuschlagen? 
Martin Heßling: Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr genau daran erinnern, wann ich entschieden habe, Professor zu werden. Ich weiß, dass ich schon nach der Schule mal gesagt habe, dass ich zumindest Doktor werden möchte, vielleicht auch Professor. Aber ich hatte das nicht als festes Ziel, es hat sich eher nach und nach entwickelt. Ich war lange im universitären Betrieb und habe dann irgendwann angefangen, in diese Richtung hinzuarbeiten. Während meiner Postdoc-Zeit habe ich noch verschiedene Fernstudien gemacht, unter anderem in Medizintechnik und Erwachsenenbildung – auch mit dem Gedanken, dass das vielleicht mal hilfreich sein könnte. Lehrerfahrung habe ich schon früh gesammelt, erst an der Uni und später an der Technikerakademie, parallel zu meinem Industriejob. Das war zwar ziemlich anstrengend, aber es hat mir gezeigt, dass mir das Lehren liegt. Am Ende hängt es natürlich immer davon ab, ob es die passende Stelle gibt. 

Frage: Können Sie uns mehr über Ihre Forschungsprojekte erzählen? 
Martin Heßling: Unsere Forschung ist angesiedelt in der Schnittstelle zwischen Optik, Biotechnologie und Medizintechnik. Ein großer Schwerpunkt liegt auf der Strahlungsdesinfektion, insbesondere mit Licht. Wir haben uns beispielsweise mit der Desinfektion von Trinkwasser und Lebensmitteln beschäftigt, aber auch mit Touchscreens in öffentlichen Bereichen, die oftmals stark verkeimt sind. Gerade in Krankenhäusern, wo Patient*innen keine Papierakten mehr haben, sondern Tablets genutzt werden, kann das ein Infektionsrisiko sein. Im Rahmen einer Abschlussarbeit haben wir es geschafft, dass sich ein Touchscreen innerhalb einer Sekunde selbst desinfizieren kann – zumindest bei Staphylokokken um 99,9 %. Ein weiteres Projekt beschäftigte sich mit der Kontaktlinsendesinfektion. Herkömmliche Kontaktlinsenlösungen können entweder gut desinfizieren oder sind besonders verträglich für das Auge. Eine Kombination aus beidem gab es damals nicht. Unsere Idee war es, die Kontaktlinsen durch Licht zu desinfizieren, indem die Kontaktlinsen 8 Stunden lang bestrahlt werden, das reduziert die Keime um vier Größenordnungen und es wird kein chemisches Desinfektionsmittel mehr benötigt. Unsere Masterstudentin hat mir dieser Arbeit mehrere Preise gewonnen. Ein weiteres Projekt betrifft beatmete Patient*innen, die ein hohes Risiko für Lungenentzündungen haben. Das Problem ist, dass sich im Rachen Keime ansammeln. Wir arbeiten daran, Endotrachealtuben mit eingebauten LEDs zu entwickeln, die Keime direkt während der Beatmung bestrahlen und damit reduzieren sollen.

Frage: Inwiefern haben Ihre Forschungsprojekte Auswirkungen auf die Gesellschaft? 
Martin Heßling: In der Anfangszeit von Corona drehte sich natürlich vieles um die Frage, wie man Coronaviren loswird. Da haben wir Daten ausgewertet und Empfehlungen an verschiedene Stellen, auch an Fachzeitschriften gegeben. Es war mal die Rede davon, dass es hilft, heiße Luft einzuatmen, indem man etwa durch einen Föhn einatmet. Das funktionierte z.B. nicht. Also das waren Auswirkungen auf die Gesellschaft, dass wir Fragen beantwortet haben, die sehr unterschiedlicher Natur waren. 

Frage: Was schätzen Sie am meisten in Ihrer Arbeit mit Studierenden? 
Martin Heßling: Was ich sehr schätze, ist dass die Studierenden immer wieder neue Ideen haben und auch Dinge infrage stellen. Ich habe manchmal, wenn es um Forschung oder um Projekte geht, eine Vorstellung, wie was zu machen ist und wie man es nicht machen sollte. Manchmal versuchen die Studierenden das dann aber genauso, wie sie es aus meiner Sicht nicht machen sollen und dann stelle ich trotzdem fest: Es funktioniert. Die Beleuchtung der Endotrachealtuben basiert mittlerweile auf Lichtleitern und ich hatte am Anfang die Vorstellung, dass dann nicht stark genug beleuchtet wird. Dann habe ich Studierende das erste Projekt dieser Art aufbauen lassen und es hat funktioniert. Ein weiterer Punkt ist, dass sich die Studierenden oft für Themen neu begeistern können, die für mich vielleicht schon ein alter Hut sind. 

Frage: Gibt es irgendwelche speziellen Methoden in der Lehre, die Sie anwenden? 
Martin Heßling: Ich versuche, die Studierenden aktiv einzubeziehen. Persönliche Bezüge helfen dabei, etwa wenn es um Sehschwächen oder Altersgebrechen geht, die sie oder ihre Angehörigen betreffen könnten. Ansonsten arbeite ich mit konventionellen Methoden wie PowerPoint, zeige aber auch gerne englischsprachige Videos und Animationen, gerade in der Biotechnologie, wo viele Prozesse schwer vorstellbar sind. Zusätzlich nutze ich Modelle von Bakterien wie E. coli oder Staphylokokken. Meine Veranstaltungen finden oft in vierstündigen Blöcken statt. So kann ich Theorie und Laborarbeit direkt miteinander verknüpfen. Beispielsweise erklären wir erst die PCR-Methode und wenden sie dann im Labor an. In den Biotechnologie-Grundlagen beträgt der Praxisanteil rund 50 %, in anderen Fächern etwas weniger, aber immer noch viel. Das erleichtert das Verständnis, weil die Theorie nicht erst später angewendet wird, wenn sie womöglich schon wieder in Vergessenheit geraten ist. 

Frage: Wie binden Sie Studierende in Ihre Forschungsprojekte ein? 
Martin Heßling: Wir bieten Studierenden im vierten Semester ein Bachelor-Projekt an, bei dem sie verschiedene Dinge ausprobieren können. Im letzten Semester sollten Studierende im Bachelorprojekt zum Beispiel einen Algen-Bioreaktor aufbauen. In einem anderen Projekt sollten Studierende einen Aufbau für eine Salat-Desinfektion entwickeln – einer Art Waschmaschine mit einem Gitter und einer UV-Lampe, in der dann die Salatblätter durchgewirbelt wurden.  
 
Frage: Hat sich der Beruf des Professors seit Beginn Ihrer Karriere verändert? 
Martin Heßling: Die Änderungen passieren ja meist schleichend. Damals hatte die Lehre noch eine viel größere Bedeutung. Ich empfinde das als positive Entwicklung, denn man kann sich besonders in der Forschung selbst verwirklichen. Die bürokratischen Rahmenbedingungen haben natürlich zu genommen, so gab es früher zum Beispiel weniger datenschutzrechtliche Vorgaben. 

Frage: Wie unterscheidet sich denn die Forschung an einer HAW zu der an einer Universität? 
Martin Heßling: An einer HAW sieht man oft einen direkten Sinn in der Forschung – zum Beispiel, wenn es darum geht, Krankheiten zu verhindern. An der Uni dagegen geht es meist um Grundlagenforschung, die zwar große Auswirkungen haben kann, aber oft erst mit großer Verzögerung. In meinem Physikstudium habe ich Argondeuterid untersucht, eine Verbindung aus einem Edelgas und schwerem Wasserstoff. Das fand ich spannend, weil ich mit Lasern gearbeitet habe und etwas Neues entdeckt wurde. Aber praktisch existiert diese Verbindung auf der Erde nicht.  

Frage: Was sind denn Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eigenschaften und Fähigkeiten, die jemand mitbringen muss, der diesen Weg einschlagen will? 
Martin Heßling: Abgesehen davon, dass man natürlich fachlich gut sein muss, sind zwei Dinge wichtig. Man muss sich sicher sein, dass man über Jahrzehnte lehren will. Ich selbst muss manche Vorlesungen auch nach 20 Jahren immer noch umfangreich vorbereiten. Gerade am Anfang muss man die Inhalte noch aufbauen. Daher sollte man unbedingt vorher mal ausprobieren, ob man das wirklich möchte, zum Beispiel mit einem Lehrauftrag. Zweitens braucht man eine intrinsische Motivation, d.h. man sollte die Motivation haben, dass man diese Freiheit, die man hat, auch sinnvoll nutzt. Denn es gibt niemanden von außen, der einem sagt, was zu tun ist. 

Frage: Was würden Sie Wissenschaftler*innen raten, die so einen Weg einschlagen wollen? 
Martin Heßling: Lehre ausprobieren.  Für einen Probevortrag investiert man sicherlich viel Zeit, aber allein daran wird man das nicht erkennen. Der Anfang kann anstrengend sein, aber es wird natürlich besser. Später hat man dann Materialien, auf die man zurückgreifen kann. Auch bei mir gibt es Fächer, die ich selbst gelernt habe und es gibt Fächer, die ich halten soll, aber nicht gelernt habe, wie etwa die Bioverfahrenstechnik. Da muss ich jede Vorlesung vorbereiten und beim ersten Mal vor 20 Jahren selbst schauen, dass ich es verstanden habe. 

Frage: Haben Sie einen Lieblingsort in der Region? 
Martin Heßling: Ich habe nicht den einen Lieblingsort in der Region. Aber wenn ich nicht gerade zuhause oder an der Hochschule bin, dann bin ich häufig im Bad Blau.  

Ich will die Energiewende aktiv mitgestalten. Dafür ist eine Professur ein geeigneter Platz.
Prof. Gerd Heilscher, Fakultät T
Prof. Gerd Heilscher

Prof. Gerd Heilscher ist Professor für “Energiedatenmanagement für dezentrale erneuerbare Energiesysteme” und wurde 2006 an die Technischen Hochschule Ulm (THU) auf die Stiftungsprofessur berufen. Er leitet die Smart Grids Forschungsgruppe, die sich auf Energieinfrastruktur, Energieinformatik und Energiemeteorologie und Energiewirtschaft konzentriert. Von 1991 bis 2006 war er Geschäftsführer der meteocontrol GmbH. Im Forschungssemester 2011/12 in den USA hat er Analysen zu schnellen Einstrahlungsänderungen und deren Auswirkungen auf das Stromnetz durchführte. Prof. Heilscher lehrt unter anderem in den Fächern Elektrische Netze, Energy Data Management und Photovoltaik. 2014 erhielt Prof. Heilscher den Wissenschaftspreis der Stadt Ulm. 

​Frage: ​Was ist für Sie das Schöne am Beruf des Professors?  
Gerd Heilscher: Die Kombination aus Forschung und Lehre sowie die Arbeit mit dem Forschungsteam. Das Schöne an dem Beruf ist auch, den Studierenden und Mitarbeiter*innen Werkzeuge mitzugeben, damit sie Lösungen für die Herausforderungen der Transformation des Energiesystems entwickeln können.  Beim Austausch mit den Studierenden merke ich selten, dass ich schon Ü60 bin. Ich kann selbst immer noch Neues lernen – gerade auch in den Forschungssemestern.  
Mit Abstand das Schönste an meinem Beruf ist jedoch zu sehen, wo die ehemaligen Studierenden und F&E-Mitarbeiter*innen jetzt an der Gestaltung der Energiewende in unterschiedlichen verantwortlichen Positionen mitwirken.  

Frage: Sie kommen aus der freien Wirtschaft und haben nicht promoviert. Was hat Sie dazu bewegt, eine wissenschaftliche Karriere als Professor einzuschlagen?  
Gerd Heilscher: Im Unternehmen habe ich neben der Geschäftsführung immer auch Forschung betrieben und Ergebnisse veröffentlicht. Als ich ich mich auf die Professur an der THU beworben habe, hatte ich bereits mehr als 10 Jahre Vorlesungen über regenerative Energien als Lehrbeauftragter in München gehalten. Daher kannte ich die Arbeit in der Lehre: In einer Vorlesung drei Stunden Wissen an junge Studierende zu vermitteln sehr gut.  
Es gab dann einen Punkt, an dem ich nicht wusste, ob ich am nächsten Tag noch Geschäftsführer des von mir gegründeten Unternehmens bin. Das ist dann nicht passiert, aber die Frage war damit geboren: “Was mache ich eigentlich, wenn ich dieses Unternehmen nicht mehr leite?” Damit habe ich mich dann grundlegend auseinandergesetzt und bin zu dem Ergebnis gekommen: Ich will die Energiewende aktiv mitgestalten. Dafür war eine Professur ein geeigneter Platz. 
Dann war die Anzeige für die Stiftungsprofessur an der THU in der ZEIT und ich dachte: Die suchen mich! 

Frage: Sie gehören zu den forschungsstarken Professor*innen an der THU. Haben Sie bei all Ihren derzeit laufenden Forschungsprojekten ein Lieblingsprojekt? 
Gerd Heilscher: Ich finde das InterBDL-Projekt sehr spannend. Ein langjähriger Mitarbeiter regte damals an, sich doch auch der E-Mobilität zu widmen, woraufhin zwei Projekte in diesem Bereich gestartet wurden. Im Sommer vor zwei Jahren bildete er ein Team mit Forschungspartnern, das mit einem weiteren Team anderer Organisationen zusammengeführt wurde. So entstand das InterBDL-Projekt zum bidirektionalen Laden von E-Fahrzeugen, das letzten Sommer begann. Das Spannende für mich an diesem Projekt ist neben den wichtigen wissenschaftlichen Fragestellungen die persönlichen Entwicklungen der Mitarbeiter*Innen in dem Freiraum der Forschung zu erleben. Die wachsen mit ihren Aufgaben und setzen ihre Energie für die Energiewende ein. 
 Für mich persönlich  ist zudem die internationale Zusammenarbeit von großer Bedeutung, insbesondere mit der Internationalen Energieagentur. Ich war acht Jahre lang im Technologieprogramm für Photovoltaik aktiv und leitete vier Jahre eine Expertengruppe zur Netzinteration von Photovoltaikanlagen. Wenn die Finanzierung klappt, werden wir Anfang 2025 im Photovoltaik Technologie Program der IEA erneut eine vierjährige internationale Zusammenarbeit zur Photovoltaik-Netzintegration starten. Ich setzte mich dafür ein diese Zusammenarbeit zu organisieren, Expert*innen zu vernetzen und voneinander zu lernen. Dieser internationale weltweite Austausch über alle Grenzen hinweg ist mir persönlich sehr wichtig.

Frage: Welche Momente Ihrer Forschung haben Sie besonders stolz gemacht?  
Gerd Heilscher: Die Einführung der Smart Meter-Infrastruktur war eine sehr schwere Geburt. Zudem fanden die Corona-Pandemie und der Umzug in unseren Neubau damals gleichzeitig statt. Dass wir das im Team nach neun Monaten als eine der ersten im Frühjahr 2020 geschafft haben – da bin ich wirklich stolz auf die Mitarbeiter*innen, mit denen das gelungen ist!. Das Thema ist auch heute noch aktuell. Aus dem Smart Meter Rollout soll ein Steuerungsrollout werden. Damit können dann Solarstromanlagen, Wärmepumpen und Ladepunkten „gedimmt“ werden, wenn das Stromnetz an seine Grenzen kommt.
 
Frage: Wie binden Sie Studierende in Ihre Forschungsprojekte ein?  
Gerd Heilscher: Das beginnt bereits im ersten Semester – wir laden die Studierenden von Beginn an ein, bei uns als Hiwis mitzuarbeiten.  Im Studium selbst kommen in der Vorlesungen Themen aus den Forschungsprojekten vor. Die aktive Mitwirkung in Forschungsprojekten ist dann durch Projekt- und Abschlussarbeiten möglich. 
Ein Erfolgsmodell ist der 50% Teilzeitjob als vollwertige*r Mitarbeiter*in während des Masterstudiums.

Frage: Welche akademischen Netzwerke sind für Ihre Forschung und Lehre wichtig?  
Gerd Heilscher: Wichtig war die Vernetzung der Forschung der Hochschulen für angewandte Wissenschaften mit dem BW-CAR, um nach vielen Jahren als Hochschule das Promotionsrecht zu erhalten. Sehr hilfreich ist der Arbeitskreis Hochschule der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie, bei dem wir uns einmal im Jahr treffen und uns über Lehrkonzepte austauschen. Auch auf internationaler Ebene gibt es ISES, die International Solar Energy Society. Der Austausch erfolgt hier über das eigene Journal (Solar Energy) und natürlich über wissenschaftliche Tagungen.  
Ein besonderes Netzwerk sind die Technologie Programme (TCP) der Internationalen Energie Agentur (IEA). Im Bereich Photovoltaik gibt es dazu das Photovoltaic Power System Programm (PVPS). Seit über acht Jahren arbeite ich dort gemeinsam einer weltweiten Gruppe von Expert*innen an der Netzintegration von Solarstrom und durfte die letzten fünf Jahre diese Gruppe gemeinsam mit dem AIT in Wien leiten. 

Frage: Was hat Ihnen geholfen, sich ein Netzwerk aufzubauen?  
Gerd Heilscher: Den Grundstein für mein berufliches Netzwerk legte ich bereits in meiner Jugend. Ich hatte die Möglichkeit, einen Jugendleiterkurs in der Evangelischen Jugend zu besuchen, wo ich lernte, wie man Menschen und Gruppen führt. Diese frühen Erfahrungen in Kommunikationsfähigkeit waren prägend für mich. Im Studium in München gab es den  Arbeitskreis "Regenerative Energien", durch den ich den Masterstudiengang „Regenertative Energiesysteme“an der Universität Oldenburg entdeckte. Dies war auch der Ausgangspunkt für mein Netzwerk im Bereich der regenerativen Energien. Während meines Studiums in Oldenburg lernte ich die Geschäftsführer eines der größten Wechselrichter-Hersteller in Deutschland, der SMA, kennen. Damals war das Unternehmen noch kleiner, und die Geschäftsführer hielten selbst Workshops ab. So kam es, dass ich während meiner Masterarbeit in Tunis auch einen von ihnen traf, als eine Windkraftanlage aufgebaut wurde. So entstand mein berufliches Netzwerk. 
Ich bin sehr kommunikativ und besuche gerne Messen. Kürzlich war ich wieder zwei Tage auf der InterSolar-Messe. Solche Gelegenheiten sind wichtig, denn Netzwerke entwickeln sich über einen langen Zeitraum und basieren auf den persönlichen Beziehungen mit den Menschen, das funktioniert nicht „online“.  
Auch an der Hochschule kooperieren wir in unseren Projekten mit Industriepartnern. Mittlerweile kommen diese auch auf uns zu, um gemeinsam Projekte zu realisieren und unsere Labore zu nutzen. Ein gutes Beispiel ist unser Smart Grid Labor an der THU, dass wir als JointLab gemeinsam mit den Industriepartnern nutzen.  

Frage: Welchen Rat würden Sie Wissenschaftler*innen und angehenden Professor*innen geben, die eine ähnliche Laufbahn anstreben? 
Gerd Heilscher: Der Übergang von der Industrie in die Lehre erfordert erst einmal den Aufbau von Lehrinhalten. Wer aber neben der Lehre auch in der Forschung aktiv sein will, sollte von Beginn an auch in der Forschung starten – insbesondere um die Kontakte aus der Industrie zu nutzen und gemeinsame Projekte anzustoßen.  
Die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung durch etablierte Kolleg*innen hilft da natürlich. Ein „Geheimnis“ der THU und viele anderer Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist der offene Austausch mit den Kolleg*innen. Ich erlebe hier an der THU einen offenen vertrauensvollen Umgang miteinander.  

Frage: Was ist wichtig, um Professor*in zu werden? 
Gerd Heilscher: Man sollte wissen und prüfen, ob man lehren will und kann. An den HAWen ist die Lehre die Grundlage und 18 SWS sind nicht zu unterschätzen.  Es ist ideal, wenn jemand schon einmal einen Lehrauftrag hatte und dem klar ist, was lehren bedeutet. Wenn wir neue Professor*innen suchen, sollten diese eine Motivation für die Lehre mitbringen und die Inhalte jungen Menschen vermitteln können. 
Mir hat geholfen, dass ich bereits zehn Jahre als Lehrbeauftragter an der FH München gearbeitet hatte. Ich wusste bereits, was es heißt, drei Stunden vor Studierenden zu stehen, über regenerative Energien zu sprechen und damit Kompetenzen aufzubauen. Auch muss jemand eine Zeit lang im Beruf gewesen sein und seine Erfahrungen aus dem Berufsleben einbringen. Gerne mit Menschen und hier insbesondere jungen Menschen zu arbeiten, hilft! 

Frage: Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Berufsbildes des Professors/der Professorin, insbesondere im Bereich Forschung? Welche Veränderungen und Trends halten Sie für besonders bedeutend? 
Gerd Heilscher: Dank des Promotionsrechts an den HAWen können wir unsere umfangreiche Forschung in der Smart Grids Forschungsgruppe an der THU erfolgreich fortsetzen und haben damit einen bedeutenden Meilenstein erreicht.  Die Akquise von F&E-Projekten und das Schreiben von Veröffentlichungen sind am Anfang als Professor ohne Mitarbeiter*innen herausfordernd. Der Aufbau des Forschungsmanagements und das kollegiale Umfeld an der THU helfen aber den Einstieg zu schaffen. Voraussetzung und Grundlage ist aber die eigene Motivation und Neugier Innovationen voranzutreiben.  

Frage: Was ist Ihr Lieblingsort in Ulm und in der Region? 
Gerd Heilscher: Das Café Animo. Es ist ein guter Ort für ein Mittagessen und auch ein Platz um den Start oder den erfolgreichen Abschluss eines Forschungsprojekts zu feiern. Ansonsten gibt es das Café „Bella Vista“mit Dachterrasse und Blick auf den Ulmer Münster. Dort kann man ungestört den Kopf frei bekommen und die nächsten Schritte planen.  

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